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Als Leiter einer Nichtregierungsorganisation im Kosovo habe ich den Begriff der „Nachhaltigkeit“ häufig in Gesprächen mit unseren Stiftungs- und Förderorganisationen gehört. Der Begriff begegnet mir als beharrliche Frage nach der „Nachhaltigkeit des Projekts“ oder der „Nachhaltigkeit der Organisation nach dem Versiegen der Fördermittel“. Es handelt sich dabei um eine jener unangenehmen Fragen, die mit inhaltslosen Floskeln ohne wirkliche Bedeutung beantwortet werden sollen. So ist das wenigstens im kosovarischen Kontext.***Aber was wäre über meine eigene Theaterarbeit unter dem Blickwinkel der Nachhaltigkeit zu sagen? Während des Schreibprozesses denke ich natürlich nicht an die Ökologie, die soziale Gerechtigkeit oder die Demokratie – wenigstens nicht in der Weise, wie sie die allgemeine Auffassung dieser Themen vorschreibt. Eines meiner Hauptziele ist es, durch meine Dramen etwas sicht

Artikel

 Magazin Nachhaltigkeit

Der Traum muss weiter leben


Jeton Neziraj


Als Leiter einer Nichtregierungsorganisation im Kosovo habe ich den Begriff der „Nachhaltigkeit“ häufig in Gesprächen mit unseren Stiftungs- und Förderorganisationen gehört. Der Begriff begegnet mir als beharrliche Frage nach der „Nachhaltigkeit des Projekts“ oder der „Nachhaltigkeit der Organisation nach dem Versiegen der Fördermittel“. Es handelt sich dabei um eine jener unangenehmen Fragen, die mit inhaltslosen Floskeln ohne wirkliche Bedeutung beantwortet werden sollen. So ist das wenigstens im kosovarischen Kontext.


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Aber was wäre über meine eigene Theaterarbeit unter dem Blickwinkel der Nachhaltigkeit zu sagen? Während des Schreibprozesses denke ich natürlich nicht an die Ökologie, die soziale Gerechtigkeit oder die Demokratie – wenigstens nicht in der Weise, wie sie die allgemeine Auffassung dieser Themen vorschreibt. Eines meiner Hauptziele ist es, durch meine Dramen etwas sichtbar zu machen, das die Gesellschaft nicht sieht. Weiters versuche ich all das zu zeigen, das die Gesellschaft verhindert, unterdrückt und verleugnet. Ein weiteres Ziel ist es, den Schwächsten eine Stimme zu geben, nämlich jenen, deren Anliegen nicht angesprochen werden.

Natürlich wünsche ich mir als Autor, dass mein Werk Auswirkungen auf die Gesellschaft hat. Wenn ich über die Opfer des Krieges oder die Opfer des Friedens, über den Terror oder die Religion, über die unbeliebten Roma oder den Nationalismus schreibe, nehme ich an, dass ich dadurch zur Entwicklung und Demokratisierung der Gesellschaft und damit auch zur „Nachhaltigkeit“ universeller Werte beitrage. Dieser Beitrag kann nicht bemessen, sondern bloß angenommen werden.

Viele meiner Dramen können jedoch nicht unter diesem Blickwinkel gelesen werden. Sie bleiben weiterhin Theatervorstellungen, die ihre ästhetischen Stärken und Schwächen haben können, die aber nicht den Anspruch erheben, die Welt zu verändern oder die „Nachhaltigkeit“ unterschiedlicher Aspekte hervorzurufen.

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Gleichzeitig betone ich, dass unser Traum von einer Kunst, die die Welt verändert, weiter leben muss. Obschon ich glaube, dass die Kunst nicht die Welt verändert, sondern sie menschlicher macht, sie im Guten wie im Schlechten zu dem macht, was sie tatsächlich ist.

Der Traum von der Kunst, die die Welt und die Gesellschaft verändert, hat allerdings auch einen Antipoden: Es gibt unzählige Künstler, die in ihren Werken zweifelhafte Ziele verfolgen – so zum Beispiel viele Künstler im früheren Jugoslawien, die zum Erstarken des Nationalismus beigetragen haben, der später dann Kriege verursacht hat.

Aus dem Albanischen von Ilir Ferra.


Jeton Neziraj ist Dramatiker, Drehbuchautor und Kritiker. Seine Theaterstücke wurden in etliche Sprachen übersetzt; u. a. wurde „Krieg in Zeiten der Liebe“ 2011 auf Deutsch in der Anthologie „Theater Theater – Aktuelle Stücke 21“ im S. Fischer Verlag veröffentlicht. Neziraj war künstlerischer Leiter des Nationaltheaters in Prishtina und ist u. a. Vorstandsmitglied des Filmfestivals Dokufest in Prizren. Er ist Pate des Kosovo für die Biennale „Neue Stücke aus Europa“ in Wiesbaden (DE). Derzeit ist er Leiter der Kulturproduktionsfirma Qendra Multimedia in Prishtina.
www.jetonneziraj.com





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