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Eröffnung: 10. 09. 2018Ausstellungsdauer: 11.–20. 09. 2018

Artikel

 Ausstellungen

Werkpräsentation der Artists in Residence 03/2018


Maurits Boettger, Nichts als Zeit, Plakat, 2018
Enrico Floriddia, Bildungsroman, Buchcover, 2018
Manaf Halbouni, What If, Video installation, 2018
Maarja Nurk, Untitled, Fotografie, 2018
Tamsin Snow, Spare Face, Videostill, 2018
Aimée Suárez Netzahualcóyotl, Die (stille) Königin schweigt, Zeichnung und Druck, 2018
Valerie Wolf Gang, māchĭnāmen, Videostill, 2018


Das Bundeskanzleramt (BKA) und KulturKontakt Austria (KKA) zeigen ab 10. September 2018 Werke folgender  Artists in Residence, die auf Einladung von BKA und KKA seit Juli in Wien leben und arbeiten: Maurits Boettger (Deutschland), Enrico Floriddia (Italien), Manaf Halbouni (Deutschland), Maarja Nurk (Estland), Tamsin Snow (Irland), Aimée Suárez Netzahualcóyotl (Mexiko) und Valerie Wolf Gang (Slowenien).

Ausstellung:
Eröffnung:
  10. 09. 2018, von 17.00 bis 19.00 Uhr
Ausstellungsdauer: 11. – 20. 09. 2018
Ort: BKA-Veranstaltungsraum, Concordiaplatz 2, 1010 Wien
Montag bis Freitag geöffnet von 10.00 bis 17.00 Uhr
Eintritt frei!

Das Bundeskanzleramt stellt in Kooperation mit KKA Residence-Stipendien in Wien zur Verfügung. Die Stipendiatinnen und Stipendiaten werden im Rahmen des Artists-in-Residence-Programms vom BKA gefördert und von KKA beratend und organisatorisch begleitet.

Zur Ausstellung:

Maurits Boettgers Performance-Konzept „Nichts als Zeit“ treibt die Ökonomisierung von Zeit an die Spitze, indem diese im vom Künstler geschaffenen Kontext als Produkt, und nicht mehr als natürliche Gegebenheit, verstanden wird. Boettger stellt hier eine Dokumentation des Entstehungsprozesses zum Performance-Konzept aus.

Ein Plakat wirbt für den Kauf von Zeit, ein Personenleitsystem führt zu einem Tisch, an dem der Künstler sitzt und Zeit verkauft. Unter Angabe eines Verwendungszwecks kann eine beliebige Menge Zeit zu einem willkürlichen Preis erworben werden. Bezahlt wird in bar oder mit Karte. Der Käufer bekommt eine Rechnung über den Kauf ausgestellt, jedoch wird weder eine Dienstleistung, noch die Zeit eines Anderen erworben – nur die „eigene“ Zeit ist hier käuflich.

Boettgers Werk strebt an, mit Hilfe einer zunächst sinnlos erscheinenden Idee die vom Kapitalismus geprägten Züge unserer Gesellschaft in Frage zu stellen. Aus dem Zusammenführen der Faktoren Zeit und Geld ergibt sich das Paradoxon des Käufers, der sich von seinem Zeitmangel zu befreien sehnt, auf der anderen Seite aber dem Druck standhalten muss, die erworbene Zeit zu nutzen und ausgegebenes Geld ja nicht zu verschwenden. Der Kauf von Zeit kann wiederum aber auch als Chance betrachtet werden, sich von dem ewigen Erfüllen eines Nutzens freizukaufen – ein Ablasshandel für die Sünde der Zeitverschwendung.

Mit seinen beiden Werken „Bildungsroman“ und „Aktualisieren“ beleuchtet Enrico Floriddia das Lebenswerk des österreichischen Archäologen und Orientalisten Eduard Glaser und in Folge dessen seine Wirkungsperiode im späten 19. Jahrhundert. Floriddia sieht in Glaser eine Art Nomaden, einen in der heutigen Tschechischen Republik geborenen Wanderer jüdischen Ursprungs, der sein Leben der Fremde widmete. Die Zusammensetzung des noch unvollendeten Buches „Bildungsroman“ orientiert sich an dem für Archäologen besonders interessanten Konzept der Spolia, nämlich dem Wiederverbau von architektonischen Elementen aus vergangenen Kulturen in neuen Bauwerken. In den Kontext der Entstehung eines Buches übersetzt bedeutet dies, dass Floriddia Glasers Geschichte durch gefundene Dokumente, Textbausteine, Elemente von Popmusik-Videos und von ihm als „erfüllte oder unerfüllte Träume“ bezeichnete Komponenten erzählt. Floriddia selbst sieht sein Werk in manchen Passagen als „Hagiographie eines Sonnenanbeters“ und lässt die Lebensgeschichte des Eduard Glaser somit zum Schauplatz eines ständigen Dialogs zwischen Erfülltheit und Unerfülltheit, zwischen Ankommen und ewigem Streben werden. Besucher sind eingeladen, sämtliche Bücher und Broschüren durchzublättern.

Auch in seiner fünfteiligen Skulpturenserie stellt Floriddia den Bezug zu Glaser her. „Arabia Felix“, „Congrès International des Orientalistes“, „Et in arcadia ego“, „Is there a difference?“ und „Sheeba meets Salomon“ sind Multimedia-Werke bestehend aus, unter anderem, Glasers Fotografien im Jemen und weiteren biografischen Elementen. Mit der untypischen Präsentation dieser vermeintlich typischen Museumsexponate gibt Floriddia in seinen Werken auch einen Kommentar zur klassischen Museologie ab.

Die Video-Installation des General Hadid ist Teil des weitreichenderen Projektes „What If“ des Künstlers Manaf Halbouni. „What If“ ist eine Dystopie – ein Gedankenspiel eines alternativen Verlaufs der Weltgeschichte.  Wie wäre diese verlaufen, wenn die industrielle Revolution des 19. Jahrhunderts primär im Osmanischen Reich und der arabischen Welt stattgefunden hätte? Wenn nicht Westeuropa, sondern zwei Mächte des Nahen Ostens den Okzident mit Waffen und technologische Errungenschaften beliefert hätten. Wenn man auf der Suche nach Ressourcen und Absatzmärkten mit der Kolonisierung Europas begonnen hätte. Wenn neue Grenzen willkürlich gesetzt worden wären, um Europa zwischen den zwei erwähnten Mächten aufzuteilen.

In seiner Video-Installation bedient sich Halbouni der Ironie von Mehrdeutigkeit in Bezug auf Perspektive. Indem er zwei ikonenhafte Zitate der Zeitgeschichte aufgreift, Martin Luther King Juniors „I have a dream“ und Barack Obamas „Yes, we can“, thematisiert Halbouni die Verarbeitung sowohl persönlicher Lebensrealität als auch von politischer Aussage.

Maarja Nurks titellose Arbeiten setzen sich mit der Beziehung zwischen Mensch und Natur auseinander, indem sie einerseits die erzwungene Unterordnung der Natur dem Menschen thematisieren, andererseits aber auch das Einswerden des Menschen mit seiner natürlichen Umgebung anhand des Bildes des „Erde Essers“ beleuchten.

Nurks Werke stellen somit ein Spannungsverhältnis zwischen unseren Empfindungen für Natürlichkeit und menschlich verursachter Struktur her und werfen die Frage auf, ob dieses Verlangen für klare, geordnete Starrheit und daraus resultierende Inflexibilität ein Produkt unserer menschlichen Natur ist. Die Künstlerin selbst versteht ihre Werke im weiteren Sinne als Kombination der Sujets des Essens, Sprechens und Sterbens.

Tamsin Snow bewegt sich in ihrer CGI Animation „Spare Face“ entlang der Grenze von Science-Fiction und tatsächlichem medizinischen Fortschritt unserer Zeit. Die Animation versetzt den Zuseher in eine Art futuristische Klinik, in der Kund/innen verschiedenste Prozeduren zur Körperveränderung, reichend von maßangefertigten Körperteilen bis hin zur Kryokonservierung der eigenen Person mit Aussicht auf das ewige Leben, in Anspruch nehmen können.

Die Weiterentwicklung von Technologien wie künstlicher Intelligenz oder der Wissenschaft der synthetischen Biologie sind für Snow kontroverse Anhaltspunkte, mithilfe derer sie schlussendlich Fragen zur Freiheit über den eigenen Körper, als auch zu den zukünftigen Folgen solcher wissenschaftlicher Realitäten formuliert.

In ihrem Projekt „Die stille Königin schweigt“ visualisiert Aimée Suárez Netzahualcóyotl den Prozess des Lernens und des Verstehens einer Fremdsprache, in ihrem Fall der deutschen Sprache. Im Zuge ihrer Vorbereitungen besuchte die Künstlerin eine Wiener Buchhandlung und ließ sich ein Buch einer „weiblichen österreichischen Autorin“ empfehlen. Verlassen hat Suárez das Geschäft mit Laura Freudenthalers „Die Königin schweigt“ - zum Projekt machte sie sich, den Roman zu illustrieren. Hierbei begibt sich die Künstlerin bewusst in die Abhängigkeit ihrer spärlichen Deutschkenntnisse und lässt ihre eigene Interpretation der für sie fremden Sprache in den Schaffensprozess einfließen, ohne sich dabei anderweitiger Hilfsmittel zu bedienen.

Mit „Die stille Königin schweigt“, der Werktitel ist eine Abwandlung des originalen Romantitels, möchte die Künstlerin erforschen, inwiefern sich Sprache und Text in ein rein visuelles Medium übersetzen lassen. Gleichzeitig stellt Suárez Sprache als das von uns als primäres Mittel zur Kommunikation angesehene Element in Frage und rüttelt gewissermaßen an der Autorität des geschriebenen Wortes.

Valerie Wolf Gangs Video-Installation „m ā c h ĭ n ā m e n“ zeichnet Parallelen zwischen dem amerikanischen NASA Space Program und den maschinellen Attraktionen des Wiener Praters auf. Die Rede John F. Kennedys, in welcher er 1961 das akribische Ziel der Mondlandung dem Kongress verlautbarte, untermalt Wolf Gang mit der experimentellen Musik David Birds, einem zeitgenössischen amerikanischen Komponisten, ebenfalls Künstler des AIR-Programmes. Szenen amerikanischer Astronauten werden mit Impressionen aus dem Vergnügungspark sowohl gegenübergestellt als auch verschmolzen, wodurch eine schwer fassbare Atmosphäre von futuristischen Welten und nostalgischen Kindheitserinnerungen entsteht. In diesen Momenten gehen Mensch und Maschine für Wolf Gang Hand in Hand und setzen somit entscheidende Meilensteine, die auf die Zukunft der Menschheit deuten lassen.

In ihrem zweiten Werk „Motion picture: The Setup, the Confrontation, The Resolution“ arbeitet Wolf Gang mit unbearbeitetem analogen Film in seiner pursten Form. Die Filmrollen werden in der Installation vor eine Lichtfläche gespannt, sodass der Besucher den Film sozusagen lesen kann. Wolf Gang spielt hier auch im Titel mit den vom Medium vorgegebenen Grenzen – ein „Motion Picture“, zu dem der Besucher die Bewegung erst selber kreieren muss. Der Titel ist auch eine Anspielung auf das Modell der drei erzählerischen Akte, über die sich das dramatische Geschehen entwickelt um über den Höhepunkt zur schlussendlichen Problemlösung zu gelangen. Dieses Modell spiegelt sich auch in der von der Künstlerin konstruierten Installation wider, allerdings mit dem Unterschied, dass Wolf Gang das Lesen der Erzählstufen dem Betrachter und dessen Interpretation überlässt und so dem engen Gefüge der klassischen filmischen Erzählung entkommt.

 Text: Benedict Winkler, Projektmitarbeiter am Artists-in-Residence-Programm


 Über die Artists in Residence:

Maurits Boettger | Deutschland
Maurits Boettger lebt und arbeitet in Köln/Deutschland. In seiner Arbeit hinterfragt er Prozesse der Wahrnehmung. Er dekonstruiert Informationsträger wie Licht, Ton, Luft und ermöglicht durch gezielte Eingriffe Perspektivwechsel die den Betrachter seiner Wahrnehmung bewusstwerden lassen. Auch Zeit behandelt Boettger wie ein Medium. Auf spielerische Art werden kosmische, biologische und physikalische Zeitmesser manipuliert und machen Zeit anders erfahrbar. Seine Arbeiten werden als Videos, Apparate, Installationen oder interaktive Apps gezeigt.
www.mauritsboettger.com

Enrico Floriddia | Italien
Der italienische Kunstschaffende studierte Architektur, Zeitgenössische Literatur, Kunstgeschichte und Fotografie in Italien und Frankreich. „I prefer to work in interface territories.” Seine Werke setzen sich mit Auffassungen, Interpretationen und Handlungen von Bildern auseinander. Er nimmt sie ernst, er zweifelt an ihrer Autorität, manchmal verspottet er sie. Floriddia ist interessiert an Kulturerbe und an dem Umgang mit selbigem. Er durchforstet Baupläne, kulturpolitische Archive und ist fasziniert von Archäologie, sodass er die Fäden der Macht früherer und jetziger Kulturen beleuchtet und bloßstellt.  Seine Arbeiten sind Ansammlungen an Bildern, Dokumenten, Texten und gefundenen Fotografien, die Gefüge der Macht in Frage stellen und Mythen aufklären.

“I am an artist, a researcher, a photographer, a scholar, a publisher, an archaeologist. But above all this, I am a permanent stranger.”
www.slanted.cc

Manaf Halbouni | Deutschland
Manaf Halbouni, in Syrien geboren, lebt und arbeitet in Deutschland. Er studierte an der Universität für Bildende Kunst in Damaskus und hat von der Hochschule für Bildende Künste Dresden einen MA der Kunstgeschichte. Mit seinen Werken wagt er es “aus dem goldenen Käfig auszubrechen“ und thematisiert in der Folge aktuelle soziopolitische Themen – eine oft biografisch motivierte künstlerische Konfrontation. Mit seinen Arbeiten strebt er an, gesellschaftlichen Diskurs zu schaffen und Menschen näher zusammenzubringen.
www.manaf-halbouni.com

Maarja Nurk | Estland
Maarja Nurk, bildende Künstlerin, lebt und arbeitet in Tallinn, Estland. Ihren MA-Abschluss machte sie an der Estnischen Akademie der Künste. Ihren Bachelor machte sie an der Universität Tartu und studierte gleichzeitig an der Universität Greifswald in Deutschland. Neben ihrer Tätigkeit als freischaffende Künstlerin malt sie Theaterkulissen und unterrichtet teilweise Bildnerische Erziehung. Sie setzt sich hauptsächlich mit Konzeptkunst und prozess-basierter Zeichnung und Malerei auseinander. Ihr Interesse gilt vor allem dem verlängerten Prozess, experimenteller Druckgrafik, dem Konzept der Wiederholung und grafischer Struktur. Sie ist stets auf der Suche, diese verschiedenen Zugänge zu kombinieren und in konkreten Kontexten und Räumen darzustellen.
maarjanurk.weebly.com

Tamsin Snow | Irland
Tamsin Snow erhielt ihren MA der Bildhauerei am Royal College of Art, London und ihren BA Hons der Bildenden Kunst – Studio Practice & Contemporary Critical Studies am Goldsmiths College, London. Zu ihren bisherigen Ausstellungen zählen; Cross Sections Project, Kunsthalle Exnergasse, WUK, Vienna; Spare Face, Block 336, London, 2018; Resort, Mermaid Arts Centre, Wicklow, Ireland, 2017; Dead Rubber, UEL Project space, London, 2016; Multifaith, Dazed X Confused Emerging Artist Award, Royal Academy, London, Lobby Part I & II, Oonagh Young Gallery, Dublin, 2015; Pavilion, Store, London 2014; and All Humans Do, White Box Gallery, New York, 2012.

Snow ist Rezipientin des Fire Station Sculpture Award, TBG&S Project Studio Award, Culture Ireland GB18 & Regular Funding Awards, 2018 and Artlink Fort Dunree Artist Residency Award, Donegal, Ireland; HIAP/ TBG&S Residency Award, Helsinki, Finland; Arts Council of Ireland Visual Arts Bursary Award & Travel and Training Award, 2017. Tamsin Snow lebt und arbeitet in Dublin.
www.tamsinsnow.com

Aimée Suárez Netzahualcóyotl | Mexiko
Die mexikanische Künstlerin Aimée Suárez Netzahualcóyotl erforscht das alltägliche Leben durch die Medien des Schreibens und der Bildenden Kunst. Sie machte ihren BA der Bildenen Kunst an der Fakultät für Kunst und Design an der National Autonomous University of Mexico. 2012 studierte sie an der University of California, Irvine, USA. Seit 2010 wirkt sie an Gruppen- und Einzelausstellungen in Mexiko City mit.
Ihre Arbeiten sind publiziert worden in “A day in the world” (Schweden, 2012), „Melí Meló: NUEVE INTERCAMBIOS ¿quieres un cuadro?“ (Mexico, 2016), “Volume Thirty-Three, Studio Visit Magazine (USA, 2016)”, “GasTV” und “Zona de Desgaste”.
www.aimeesuarez.com

Valerie Wolf Gang | Slowenien
Die slowenische Bildende Künstlerin Valerie Wolf Gang, MA of Media Arts and Practices, arbeitet mit Video Installation, Film und neuen Medien. Ihre Werke und Forschung gelten der Reflexion sozialer Konflikte, besonders im Kontext ihrer Studienreisen. Sie kreiert Multimedia Installationen, die in verschiedensten internationalen Gallerien ausgestellt sind, ihre Videos und Filme sind in der Vergangenheit bei mehreren Film Festivals ausgestrahlt worden. Wolf Gang ist aktives Mitglied des internationalen Kunstkollektivs „Spielraum Ensamble, research unit Famul VideoLab and Directors Guild of Slovenia“. Sie ist die Gründerin von “UV Arthouse”, eine Produktionsfirma für experimentellen Film, Videoinstallation und Forschung im Bereich Virtual Reality und interaktive neue Medien. Zusätzlich zu ihrer Tätigkeit als freischaffende Künstlerin, halt sie workshops und Vorträge zu Kunstfilm und zeitgenössischen Kunstströmungen.
http://valeriewolfgang.com



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