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Fünf Jahre Bildungskooperation in Moldau

Im Gespräch mit Reinhard Hannesschläger


Sie waren von 2003 bis 2008 Bildungsbeauftragter in Moldau. Wie entstand die Entscheidung nach Moldau zu gehen?

Ich habe von dieser Stelle gehört, als ich in Lettland war. Es hat mich einerseits gereizt, weiterhin in Osteuropa zu bleiben, andererseits hatte ich bereits während meiner Studienzeit mit diversen Bildungsprojekten zu tun. Unter anderem habe ich im Rahmen meiner Diplomarbeit an einem Projekt mitgearbeitet, in dem es um offenes Lernen ging. Die damalige Arbeitsstelle war recht interessant und hat mir viel gebracht, daher wollte ich gerne weiterhin in diesem Feld arbeiten. Meine Entscheidung für diese Stelle fiel nicht aufgrund dessen, dass ich unbedingt in die Region wollte, sondern eher aufgrund der für mich interessanten Tätigkeit: Bildungsprojekte umzusetzen.

Das Land zählt zu den ärmsten in Ost- und Südosteuropa. Die Lage ist instabil. Wie hat Ihre Arbeit vor Ort ausgesehen?

Das, was man im Ausland von politischer Instabilität mitbekommt, bei der es vor allem um den Transnistrien-Konflikt[1] geht, hat keinen besonders großen Einfluss auf meine Arbeit gehabt. Es gab zwar auch für das Bildungsministerium diverse Schwierigkeiten, weil es in Transnistrien rumänischsprachige Schulen gibt, in denen es immer wieder zu Konflikten kommt. Dies hat aber mit der Arbeit des Bildungsbeauftragten nichts zu tun.
Man muss die Grundsätze der Entwicklungszusammenarbeit an die Gegebenheiten und den Bedarf des Landes anpassen.
Im ersten Jahr etwa war es schwierig, Projektideen zu entwickeln. Man musste sich mit Fragen wie etwa: „Was können wir machen, wie nachhaltig ist das und wie gut kann man mit den Strukturen zusammenarbeiten?“, konfrontieren. Es hat dann erst besser funktioniert, als wir auf die Ebene der Schulen gegangen sind.

Welchen Bedarf hat bzw. welche Schwerpunkte setzt Moldau?

Es gibt immer wieder Aussagen wie etwa, dass man in IT investieren müsse, Moldau solle das europäische Indien werden. Diverse Leute haben verschiedene Ideen, die ich gar nicht in Abrede stellen will. Wir haben die besten Ressourcen des Landes angesehen –dazu zählen nicht die Industrie oder der Dienstleistungssektor, sondern die Landwirtschaft. Dort haben sie sehr gute Ressourcen, allerdings sehr schlechte Ergebnisse, da in der Sowjetzeit die notwendigen Strukturen für die Entwicklung von Landwirtschaft zerstört worden sind, beziehungsweise wurden Strukturen aufgebaut, die dann zerfallen sind, weil sie nach Ende des Sowjetregimes nicht mehr haltbar waren. Dadurch liegen sehr viele Ressourcen brach. Es arbeiten heute über 40 % der Leute in der Landwirtschaft. Sie zählen allerdings auch gleichzeitig zu jener Bevölkerungsgruppe, die am meisten von Armut betroffen ist. Es gibt sehr wenige Möglichkeiten, vor allem kein Bildungsangebot für diese Menschen. Daher wurde dieser Zweig ausgewählt.

So entstand das Landwirtschaftsprojekt MOL-AGRI, sprich Moldau Agricultura. Worum geht es hier? Wie sieht der Status quo aus?

Das Projekt war sehr erfolgreich, da man in Österreich in der Koordination von landwirtschaftlicher Ausbildung mit Regional- und Schulentwicklung sehr viel Erfahrung hat. Wir sahen im Laufe des Projekts, wie sehr dies in der Republik Moldau fehlt. Das wird im Rahmen des Projekts in zwei Schulen entwickelt.

Das wäre für das ganze Land wichtig und birgt große Chancen. Natürlich besteht leider das Problem, dass wir nicht die Ressourcen haben, um das im ganzen Land umzusetzen. Es war auch am Anfang sehr schwierig, die involvierten Personen dazu zu bringen, dass sie einem kommunizieren, was sie wirklich denken. Sie verschließen sich. Als nächsten Schritt haben wir versucht, wieder eine offene Kommunikation herzustellen und gleichzeitig eingefahrene Denkmuster zu überwinden. Das hat dann doch zwei Jahre gedauert.
Wobei es bereits ein paar Schlüsselmomente gab: Beispielsweise eine Studienreise nach Österreich für eine Gruppe von Lehrerinnen und Lehrern. Bei Studienreisen stellt sich immer die Frage, ob sie das Geld wert sind. Nach meinen Erfahrungen war es das in diesem Fall. Das Problem dabei ist, dass diese Reisen manchmal mit irgendwelchen Funktionären stattfinden, mit denen weder davor noch danach intensiv gearbeitet werden kann.

Das ist daher nicht die direkte Zielgruppe, bei der ein Umdenkprozess erfolgen kann?

Genau. Beispielsweise in einem anderen Projekt, in dem es um den Aufbau dezentraler Strukturen in der Lehrerfortbildung ging, war es uns nicht möglich, eine Studienreise zu organisieren. Leider hat dies dazu geführt, dass das Projekt quasi vorzeitig beendet werden musste. Es stellte sich natürlich die Frage, was es bringt, ein österreichisches Lehrerfortbildungszentrum anzusehen, noch dazu wenn die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Sprache nicht verstehen. Allerdings hätte man im Vorfeld die Möglichkeit, die Leute darauf vorzubereiten, und dann bringt es auch etwas, wenn sie einmal aus ihrer Lebenswelt herauskommen und sehen, wie so etwas in Österreich funktioniert. Es müssen nicht immer landwirtschaftliche Schulen oder Berufsbildende Schulen sein, es gibt durchaus auch Softskill-Bereiche, bei denen es Sinn macht, sie im Rahmen von Studienreisen zu besuchen.
Ich sehe dies, wenn man mit einer bestimmten Zielgruppe arbeitet, als einen sehr wichtigen Bestandteil.

Beim MOL-AGRI-Projekt gibt es zwei Schwerpunkte.

Es ist ein sehr komplexes Projekt. Es gibt zunächst die Komponente der Schulentwicklung. Der erste Schritt ist die Profilentwicklung, darauf basierend die Curriculumsentwicklung und Lehrerfortbildung, weiters die Infrastruktur, die auf der Schulentwicklung basiert. Die zweite große Komponente, die sich erst entwickelt hat, ist die Rolle der Schule als regionales Kompetenzzentrum, die Regionalentwicklung, die dann aufeinander abgestimmt werden.

Wie geht es bei diesem Projekt jetzt weiter?

In den letzten Jahren haben wir versucht, eine Kooperation mit Kleinbetrieben in der Region aufzubauen. Dies ist etwas ganz Neues, das es bisher nicht gab. Deswegen ist es auch mit sehr viel Überzeugungsarbeit verbunden und dementsprechend schwierig. Trotz allem ist ständig ein Fortschritt zu sehen. Was jetzt im Groben geplant ist: Es soll in beiden Schulen eine Kellerei gebaut werden. In dieser werden Trauben aus dem Schulweingarten und aus Weingärten von - wir nennen sie - Netzwerkpartnern zu Wein verarbeitet. Das soll als ein Musterbeispiel für die Kooperation von Kleinbetrieben bei der Produktion oder bei der Veredelung von landwirtschaftlichen Produkten fungieren. Hier gibt es eines von mehreren Problemen im Land: Die Bauern sind alle dazu gezwungen, ihre Urproduktion, etwa Getreide, Früchte, Gemüse usw. an Großhändler bzw. an Fabriken zu verkaufen. Damit sind sie diesen natürlich ausgeliefert, weil jene den Preis diktieren. Auch aufgrund der Gesetzgebung haben die Bauern sehr wenige Möglichkeiten selbst Veredelung durchzuführen. Die Umsetzung dieser Schulkellerei ist unter anderem ein erster Schritt, um jenen Kleinbetrieben ein Best-Practice-Beispiel zu geben.

Ein sehr spezielles Projekt nennt sich „Special Needs Education“, in dem Schülerinnen und Schüler in Sonderschulinternaten gefördert werden. Was ist das Ziel und welche Maßnahmen wurden hier gesetzt? Wieso wurde dieses Projekt ausgewählt?

Bei einem Sonderprojekt standen noch Mittel zur Verfügung, die wir sinnvoll einsetzen wollten. Wir entschieden uns für Kinder in Internaten, die in einer sozial schlechten Lage sind, und kauften Ausstattung ein.
Es gibt in Moldau zwei verschiedene Typen von Sonderschulen: Waisenhäuser, in denen sehr viele Kinder sind, die richtige Waisen oder Sozialwaisen sind, etwa Kinder, deren Eltern im Gefängnis sitzen oder gesessen sind und sie nicht mehr geholt haben. Weiters gibt es Kinder in den Sonderschulinternaten, die auch meistens aus sozial sehr schwierigen Verhältnissen kommen. Damals haben wir uns bestimmte Schulen angesehen und entschieden, Betten und Schulmöbel anzukaufen. In diesem Rahmen haben wir auch einige Unterrichtsmaterialien angeschafft, auch aus dem Kreativitätsbereich, Bücher mit Kindermärchen und Erzählungen. Dabei entstand die Idee, mit einem Autor dieser Kinderbücher in die Schulen zu fahren und vor Ort zu arbeiten. Wir hatten gemerkt, dass sie einige sehr gute Ansätze haben und eine schöne Tradition, jedoch alles sehr aufgesetzt und eingeübt wirkte. Die Kinder fungierten dabei meist nur als Konsumenten oder die besten wurden ausgewählt, um ein Gedicht auswendig zu lernen und vorzutragen. Es gibt sehr wenige Möglichkeiten für die Kinder, sich auszudrücken und eigene Dinge zu machen. Deshalb haben wir entschieden – aufbauend auf dem, was bereits existiert, auf dieser starken Tradition der Kunstvermittlung – offenere Methoden und aufgrund der Zielgruppe mit einem therapeutischen Anspruch hineinzubringen. Wir haben dabei mit einigen von diesen Schulen gearbeitet und versucht, diese Lehrerinnen und Lehrer sowie Kinder zu unterstützen. Grundsätzlich wurde das Projekt sehr gut aufgenommen. Aber es gibt das Problem, dass die Lehrerinnen und Lehrer in der Hackordnung der moldauischen Schulen am unteren Ende stehen. Diese sind natürlich in einer benachteiligten Situation und dadurch gibt es auch nur wenige, die bereit sind, diesen Job zu machen.  

Weil es sehr schwierig ist oder weil es nicht anerkannt wird?

Offiziell ist es natürlich toll, dass sie es machen, praktisch aber will das niemand. Die Leute, die in diesen Schulen arbeiten, sind oft Menschen, die wenig Alternativen haben. Auch die schlechte Bezahlung kommt hinzu. Viele Lehrerinnen und Lehrer, die früher in diesen Schulen waren, haben in andere Schulen oder ins  Ausland gewechselt oder haben sich für andere Berufe entschieden.
Wir haben uns weiters überlegt, was man über das bloße Durchführen von Seminaren und Werkstätten hinaus mit den Unterrichtenden beziehungsweise mit den Kindern machen kann. Es hat sich als schwierig herausgestellt, die Lehrerinnen und Lehrer in Seminare zu schicken und sie dann zu SeminarleiterInnen für Kollegen und Kolleginnen auszubilden. Sie haben ein anderes Verständnis, daher konnte diese Idee nicht so rasch umgesetzt werden.
Sie sind nicht so schnell in der Lage, sich in die Rolle der ErwachsenenbildnerInnen hineinzuversetzen und das Gelernte weiterzugeben.

Sie sind nicht so flexibel, wie man das von anderen Ländern kennt? Sie haben eine andere Art mit solchen Umständen umzugehen?

Das war schon ein weiter Weg, bis sie das akzeptiert und für gut befunden haben, es umzusetzen war dann noch viel schwieriger.  Es ist immer wieder zu beobachten, dass solche neuen Situationen soweit weg von ihrer eigenen Erlebniswelt sind und von dem, was sie bisher gemacht haben, dass sie nicht in der Lage waren, diese Methoden sofort für sich zu nutzen. Der nächste Schritt, ein Folgeprojekt, wäre nun, den Lehrerinnen und Lehrern beizubringen, wie sie das Erlernte an Kolleginnen und Kollegen weitergeben könnten.
Ich habe viele andere Projekte gesehen, in denen die Arbeit mit Multiplikatoren leider nicht funktioniert hat. Die Menschen haben einfach eine starke Überzeugungs- und Werthaltung, sodass man hier sehr viel mehr Zeit aufwenden muss, um Veränderungen zu erreichen.
Es gäbe viele Leute, bei denen die Ziele und Botschaften des Projekts schneller ankommen würden, aber diese sind leider nicht mehr im Bildungswesen oder sind in den Eliteschulen.
Ich meine, es ist natürlich nett, in den Eliteschulen zu arbeiten, wie das der Fall bei ECO NET war. Aber manchmal – wie bei diesem Projekt für Sonderpädagogik – muss man entscheiden, dass man dementsprechende Schulen auswählt, um eine Methode gut verankern zu können.

Seit 2006 haben Sie das Projekt ECO-NET erfolgreich eingeführt. Wie ist die Implementierungs- und weitere Projektphase verlaufen? Welche Schritte wurden bis jetzt gesetzt?

Wir haben 2006 Seminare durchgeführt, vor dem offiziellen Projektbeginn, damit wir keine Zeit verlieren würden. Gleich im ersten Jahr konnten wir schon Übungsfirmen gründen. Man kann sagen, dass es vor zwei Jahren begonnen hat, obwohl der richtige Projektbeginn dann erst im Herbst 2006 war.

Es geht um den Aufbau von Übungsfirmen in den einzelnen Wirtschaftsschulen. Wie kann man sich diese Arbeit vorstellen und wie war die Reaktion der Lehrerinnen und Lehrer in den Übungsschulen?

Auch hier machte ich die Erfahrung, dass es, obwohl die LehrerInnen das Projekt toll fanden und sehr gut angenommen haben, wieder Unterschiede gab: beispielsweise die Beurteilung der Schülerleistung oder die Überlegung, was Schülerinnen und Schüler selbst machen und machen dürfen.

In diesem Fall muss man sagen, weil wir mit den besten Schulen im Land gearbeitet haben, ist es doch gelungen, das Projekt schnell umzusetzen. Wir können jetzt schon daran denken, dass die Lehrerinnen und Lehrer, die in der ersten Phase involviert waren, nun in der zweiten Phase bereits zu Multiplikatorinnen und Multiplikatoren ausgebildet werden und als solche arbeiten werden können.

Wie sehen die nächsten Schritte in diesem Projekt aus?

Es wurde eine nationale Übungsfirmenmesse organisiert, die sehr gut verlaufen ist. Die Lehrerinnen und Lehrer haben bereits entschieden, nächstes Jahr eine Übungsfirmenmesse mit ausländischer Beteiligung veranstalten zu wollen.
Wobei dies nicht wie bei den typischen ECO-NET-Messen mit den Balkanländern abläuft, sondern eher eine regionale Messe mit den Einzugsgebieten Moldau, Rumänien, Ukraine, vielleicht auch Russland angedacht wird.
Das Problem war bei bisherigen Besuchen von Übungsfirmen-Messen, dass die anderen Teilnehmenden meist aus Ländern vom Westbalkan waren, die sich auch ohne Englisch verständigen konnten. Die Moldawier hatten sich auf Englisch vorbereitet und waren dann immer sehr enttäuscht, wenn die anderen Schülerinnen und Schüler keine englischsprachigen Präsentationen hatten oder mit ihnen nicht reden konnten. Dadurch haben sie sich ein wenig als Außenseiter gefühlt. Deswegen sehe ich das durchaus positiv, wenn sie eine Messe mit rumänischen Übungsfirmen planen. Hier muss man noch sehen, ob das auch mit ukrainischen oder russischen Teilnehmerinnen und Teilnehmern funktioniert, da diese keine ECO-NET-Länder sind. Aber ich bin sehr optimistisch.
Die Überlegung ist derzeit, in der zweiten Phase weitere höhere Berufsbildende Schulen sowie eine Fachschule aufzunehmen. Dies versuchen wir gerade mit einem Projekt zu koordinieren, das von der SIDA (Schwedische Entwicklungshilfe) finanziert wird. Die haben auch eine Entrepreneurship-Komponente in ihrem Berufsbildungsprojekt und dies funktioniert etwas anders als bei ECO NET, aber ich hoffe, dass wir es schaffen werden, unsere Arbeit aufeinander abzustimmen.
Die Fachschulen haben einen geringeren kaufmännischen Hintergrund im Vergleich zu den so genannten Colleges, deshalb wird man mehr Vorarbeit leisten müssen, bis die Übungsfirmen in einer Schulklasse gegründet werden können. Allerdings haben wir nun einige Instrumente, die von den Schweden ausgearbeitet und verwendet werden und können so die Gründung der Übungsfirmen vorbereiten. Daraus ergeben sich tolle Chancen für diese Schulen in den Regionen, sie werden attraktiver. Bisher hatten sie  immer Nachteile im Vergleich zu den Allgemeinbildenden Schulen, die einen viel höheren Status haben. Das Problem bei den Allgemeinbildenden Schulen ist allerdings, dass die Maturantinnen und Maturanten eine mehr oder weniger gute Allgemeinbildung, aber keine Berufsausbildung haben, und dies ist nicht gut für das Land.
Es sollte ein vernünftiges Verhältnis zwischen Menschen mit Berufsausbildung und jenen mit Allgemeinausbildung im Land geben. Vor allem besteht das Problem, dass es sich um ein sehr stark segregierendes Schulsystem handelt, in dem immer die schlechteren Schüler vom Allgemeinbildenden Schultyp auf eine Berufsbildung umsteigen.
Dies ist weder für die Schulen noch für die Wirtschaft des Landes gut.
Die Einführung des Projekts ECO NET vor ein paar Jahren war eine wirklich wichtige Entscheidung, weil es auch dazu führt, dass die Ausbildung in diesen Schulen aufgewertet wird – auch in den Augen der Eltern und der Schülerinnen und Schüler.

Auffallend ist, dass viele Projekte in unterschiedlichen Bereichen – Landwirtschaft, Weiterbildung, Sonderpädagogik, Wirtschaft – umgesetzt werden. Wie sieht der Bedarf an einer Tourismus-Ausbildung vor Ort aus?

Es gibt Schulen, die eine Tourismusausbildung anbieten. Deren Zielgruppe sind Menschen, die nach Abschluss dieser Ausbildung nach Griechenland, Zypern, Italien, Spanien oder Portugal auswandern, um dort im Tourismus zu arbeiten. Es gäbe zwar in Moldau einen unheimlich großen Bedarf an einer Professionalisierung der Tourismusbranche, allerdings sehe ich das nicht als Priorität für das Land an.
Das Problem dabei ist: Es gibt wenig Leute im Tourismus mit guten Ideen.
Manchmal werden Projekte mit internationaler Unterstützung gemacht, allerdings hinken diese immer ein wenig: Beispielsweise wird ein Besucherzentrum errichtet, aber gewisse Dinge fehlen, die zum Beispiel Leuten aus Österreich, die im Tourismus einen sehr hohen Standard gewohnt sind, sofort ins Auge fallen würden.
Grundsätzlich wäre es sinnvoll, ein Tourismusprojekt umzusetzen, weil man auch österreichische Erfahrung einbringen kann, aber momentan gibt es wie erwähnt keine Priorität noch haben wir Kapazitäten. Dafür bräuchte man einen zweiten Bildungsbeauftragten.

Wäre es interessant auch Kulturprojekte umzusetzen?

Es wäre sehr spannend und auch wichtig für das Land, weil sich in diesem Feld wenig bewegt bzw. wenig Verständnis vorhanden ist. Ich habe mir eine Zeit lang Gedanken gemacht, da ich auch an der Kunstuniversität studiert habe, ob man etwas machen könnte. Ich habe gesehen, wie sich das vermittelte Kunstverständnis in der Schule auswirkt. Das hat auch Einfluss auf das tägliche Leben, wie die Menschen ihr Umfeld gestalten, auch im Tourismus, wie man mit dem eigenen Erbe umgeht. Beispielsweise gibt es Alltagsgegenstände aus der kommunistischen Zeit, die schön sind, aber heute abgelehnt werden, und andererseits neue, die einen ganz schrecklichen Stil haben, den aber viele toll finden, weil sie glauben, das sei „europäisch“. In Moldau ist man der Meinung, dass alles schlecht ist, weil alles von früher ist. Die Leute in Moldawien kaufen sich lieber importierte Ware, da sie glauben, es sei neue und gute Ware. Sie haben einfach kein differenziertes Verständnis, das auch nicht vermittelt wird. Dies ist auch in der bildenden Kunst sowie in vielen anderen Bereichen bemerkbar. Vermittlung eines Grundverständnisses gepaart mit einer Schulung des eigenen Ausdrucks könnten interessante Projekte sein, aber auch ganz allgemein Kunstprojekte wären sicher spannend. KulturKontakt Austria hat bereits Projekte mit KünstlerInnen in Moldau durchgeführt. Es wäre sicher auch wichtig für die weitere Arbeit in Moldau, neue Partner zu finden sowie neue Projekte durchzuführen.

Was nehmen Sie aus der Zeit aus Moldau für sich mit?

Ich habe gewisse Erfahrungen gemacht, die mich fragen lassen, wie dies in einem anderen Land oder in Österreich gewesen wäre. Beispielsweise gab es oft Situationen, in denen unter gewissem Druck Entscheidungen getroffen werden mussten. Ich hatte teilweise das Gefühl, dass die Umstände oder auch die Menschen noch nicht soweit seien, die nächsten Schritte zu machen. Dies lag natürlich auch an der schwierigen Arbeitsumgebung in Moldau, da man Informationen nur schwer bekommen hat oder immer nur widersprüchliche. Deswegen habe ich auch manche Maßnahmen oft verzögert, was wiederum in Wien sehr schwierig war, da man dort die Wahrnehmung hatte, dass nichts weiterging. Ich habe aber immer wieder gesehen, wie wichtig es war, sich Zeit zu nehmen – aus taktischen oder pädagogischen Gründen. Dies ist auch der Luxus in einem Entwicklungsprojekt im Vergleich zu einer privatwirtschaftlichen Organisation. Dabei habe ich gelernt: Das zahlt sich aus.

Ich möchte hier auf alle Fälle erwähnen, dass die Zusammenarbeit mit meinem Team sehr gut verlaufen ist.

Wie sehen Ihre Zukunftspläne aus?

Es war natürlich eine schwierige Situation von Moldau aus einen Job in Österreich zu suchen, auch aufgrund des sehr speziellen Profils eines Bildungsbeauftragten.
Andere Firmen können sich nicht gut vorstellen, wie man ihnen nützlich sein könnte.
Ich habe jetzt etwas in Aussicht in der Republik Moldau. Es ist noch nicht sicher, aber ich richte mich darauf ein, dass ich in Moldau bleibe.


Zur Person:
Reinhard Hannesschläger war von 2003 bis 2008 Bildungsbeauftragter in Moldau.
1975 in Linz/Donau geboren; Studium der Berufs- und Wirtschaftspädagogik an der Johannes Kepler Universität mit gelegentlichen Ausflügen an die Kunstuniversität Linz (Kunsterziehung); Fremdsprachen: Englisch, Italienisch, Lettisch, Russisch und Rumänisch; 1999/2000 erster österreichischer Gedenkdiener bei Steven Spielberg's Survivors of the Shoah Visual History Foundation; 2002/03 beruflich in Riga/Lettland.


[1] Der Transnistrien-Konflikt entstand nach der Auflösung der Sowjetunion 1991 und war die Folge einer uneinigen Unabhängigkeitsbewegung Moldawiens.

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