BLITZLICHT
Die Sprache des Tanzes
Die Choreografin und Tanzpädogogin Tanja Dinter über ihre Erfahrungen mit Jugendlichen
Sie sind Tänzerin, Choreografin und unterrichten auch Tanz für Kinder und Erwachsene. Bitte beschreiben Sie kurz Ihre unterschiedlichen Tätigkeiten.
Ich unterrichte Kinder in der Tanzwerkstatt und halte für Erwachsene einen privaten Kurs in der Sargfabrik. Zusätzlich arbeite ich gemeinsam mit Kolleginnen auch an eigenen Projekten. Das sind vor allem Tanzprojekte und choreografische Projekte wie zum Beispiel im Moment für „Tanz die Toleranz“. Bei eigenen Projekten arbeite ich auch gerne interdisziplinär, wie zuletzt mit der Medienkünstlerin Elisabeth Wildling für unser gemeinsames Stück „Abgang“ für die Nachwuchsschiene „Stückwerk“ im Tanzquartier.
Wieso haben Sie begonnen Kinder und Jugendliche zu unterrichten?
Ich wurde vor vielen Jahren, als ich zwar schon eine Tanzausbildung aber keine tanzpädagogische Ausbildung hatte, gefragt, ob ich nicht einen Kindertanzkurs übernehmen möchte. Das habe ich gemacht und habe dabei bemerkt, wie viel Arbeit hinter so einem Kurs steckt – und was man alles damit erreichen und vermitteln kann.
Je mehr Gedanken ich mir darüber gemacht habe, umso stärker ist der Wunsch geworden, Tanzpädagogik zu studieren – relativ spät, aber aus einem Herzenswunsch heraus. Ich habe damals, vor sechs Jahren, auch begonnen, in der Tanzwerkstatt zu unterrichten.
Was bringt es Kindern und Jugendlichen, sich mit Tanz zu beschäftigen?
Es ist ein Zugang zum eigenen Körper und die Erfahrung, was man alles mit dem eigenen Körper ausdrücken kann, ohne verbale Sprache zu verwenden. Das ist oft eine viel stärkere Aussage, als man mit Worten formulieren kann. Es ist auch spannend zu erkennen, wie ich mich durch den Tanz in eine Gruppe integrieren kann. Dieser soziale Aspekt ist mir am Anfang sehr stark aufgefallen. Ich habe zu Beginn meiner Arbeit als Tanzpädagogin viele tänzerisch-technische Aufgaben vorbereitet, habe dann aber bemerkt, dass der soziale Aspekt immer gleichberechtigt daneben stand.
Es ist schön zu sehen, wie in der Gruppe gemeinsam gearbeitet wird: dass eine Choreographie oder ein gemeinsames Ziel formuliert und dann erarbeitet werden können.
Ein wichtiger Punkt ist auch der Leistungsgedanke: Was kann ich mit meinem eigenen Körper erreichen, wie weit bin ich in der Lage gewisse Aufgaben zu erfüllen? Tanz ist eine Möglichkeit, die eigenen Grenzen – nicht nur die körperlichen – kennen zu lernen und natürlich auch die der anderen. Dazu kommt auch noch der Umgang mit Berühren und Berührt werden und allen Ängsten und Gefühlen die dazu gehören. Ein Thema, das gerade im jugendlichen Alter eine zentrale Rolle spielt.
Sie haben auch bei dem Projekt „Tanz die Toleranz“ mitgemacht, das KulturKontakt Austria gemeinsam mit der Caritas Wien initiiert hat...
Ich habe als Assistentin zwei Schulgruppen mit Jugendlichen im Alter von 13 bis 16 Jahren begleitet und stand über den Probenzeitraum von fünf Wochen Royston Maldoom und seinem leitenden Assistenten Volker Eisenach unterstützend zur Seite.
Worum ging es dabei?
Es haben sich sehr viele Schulen für die Teilnahme beworben. Letztlich wurden einige Schulen ausgewählt und über 200 Schüler und Schülerinnen konnten an dem Projekt teilnehmen.
Bei „Tanz die Toleranz“ ging es um die kulturelle Vielfalt der TeilnehmerInnen. Es gab Teilnehmer und Teilnehmerinnen von Höheren Schulen, Polytechnischen Lehrgängen, aber es gab auch Kindergartenkinder und Volkschulen, die daran Teil genommen haben.
Letztendlich haben alle miteinander getanzt. Geprobt wurde in Arbeitsgruppen: Volkschüler und –schülerinnen probten mit Kindergartenkindern, Jugendliche, die gerade an der Schwelle von der Unterstufe zur Oberstufe standen probten miteinander, die etwas älteren erarbeiteten ihren Teil und dann gab es noch die Communitygroup, die in der brunnenpassage trainiert hat. Sie war am buntesten zusammengesetzt, weil sie aus einzelnen Personen bestand, die aus Caritaseinrichtungen gekommen sind, aus jungen Menschen, die rund um den Brunnenmarkt zuhause sind und solchen, die beispielsweise Ballett studierten. Diese Gruppe hat Professionalität mitgebracht und war gewissermaßen ein Vorbild für die anderen.
Wir waren insgesamt sechs Assistentinnen, jeweils zwei haben mit den Schulgruppen in den Schulen geprobt und zwei mit der Communitygroup in der brunnenpassage. Letztlich sind dann alle 200 TeilnehmerInnen zusammengekommen, zum großen Auftritt bei der Festwocheneröffnung am Rathausplatz.
Wie waren die Reaktionen der Jugendlichen, mit denen Sie gearbeitet haben?
Wie sie zum ersten mal da waren, waren sie sehr aufgeregt. Sie haben gehört, dass sie mit einem ganz tollen Choreografen zusammenarbeiten dürfen. Manche kannten den Film „Rhythm Is It“ und hatten schon einen Eindruck, andere kannten ihn nicht und haben sich einfach auf das Projekt eingelassen. Alle wurden aber auf das Projekt vorbereitet und es wurde von Anfang an klargestellt, dass es die Möglichkeit zum Ausstieg gab, falls man sich gar nicht mit dem Thema Tanz auseinander setzen wollte. Natürlich haben wir uns bemüht, dass möglichst alle dabei blieben.
Es gab sehr klare, wenige Regeln, an die sich alle halten mussten. Wir haben sehr viel mit dem „Focus“ gearbeitet – Konzentration auf sich selbst, aber auch Aufmerksamkeit auf das Umfeld und „im Moment sein“ und sein Bestes geben, alles was notwendig ist, um Bühnenpräsenz zu erzeugen. Und nachdem das die TeilnehmerInnen in der ersten Probe gespürt haben, war es für viele klar, dass sie weiter machen möchten. Es gab natürlich zwischendurch Proben, die schwierig waren. Es kommt fast immer der Punkt, an dem die erste Euphorie vorbei ist, die Energie etwas abnimmt und einige zu zweifeln beginnen, ob sie den Anforderungen gewachsen sind und ob das ganze etwas werden wird. In unserem Fall löste sich dieser Zweifel schnell wieder auf. Royston Maldoom ist eine sehr charismatische Persönlichkeit, und er hat es verstanden genau zum richtigen Zeitpunkt einzugreifen und die Jugendlichen zu motivieren oder wieder in ihre Grenzen zu weisen; aber das mit einer wundervollen Art von Humor. Er war sehr streng, das muss ich auch sagen, aber es hat gewirkt. Er weiss, wie er mit Jugendlichen umgehen muss.
Wir hatten Proben von bis zu dreieinhalb Stunden. Sich die ganze Zeit zu konzentrieren und fokussiert zu bleiben, ist ein riesiger Anspruch, dem die Jugendlichen sehr gut gerecht geworden sind.
Ihr nächstes Projekt heißt „Kleider Los!“
Ja. Es läuft seit September und geht von einer Veranstaltung aus, die am 18. Oktober stattfindet: 20 Jahre Gratiskleiderausgabe der Caritas, Carla Mittersteig. Gemeinsam mit einer Gruppe von 20 Menschen mit ganz unterschiedlicher Herkunft und ganz unterschiedlichem Hintergrund werden ich und meine Assistentin Elisabeth Lengheimer eine Choreographie zum Thema Altkleider machen. Es sind Schüler und Schülerinnen dabei, die beim Festwochenprojekt mitgemacht haben oder bei der Sommerwerkstatt. Es sind auch ganz viele neue Gesichter dabei, die sich einfach für das Projekt interessiert haben.
Daran erkennt man das doch eine gewisse Nachhaltigkeit vorhanden ist...
Ja, das stimmt. Nachhaltig wird es dann wenn wirklich Menschen an mehreren Projekten teilnehmen. Und wer diesmal auch dabei ist, ist eine Gruppe von Flüchtlingen von der Caritaseinrichtung in der Robert Hammerling Gasse. Wir haben eine große Streuung im Alter: von Jugendlichen mit 13 Jahren bis hin zu über 40jährigen Erwachsenen. Geprobt wird in der brunnenpassage, zweimal pro Woche je zwei Stunden.
Wurden die Flüchtlinge von Seiten der Caritas ermutigt?
Ulrike Levri, die auch das Projekt „Tanz die Toleranz“ organisierte, hat in diversen Caritaseinrichtungen über „Tanz die Toleranz“ erzählt und hat die Menschen neugierig gemacht. Es haben sich dann einige Menschen gemeldet, die gerne dabei sein wollten – und sie sind auch wirklich mit ganzem Herzen dabei. Diese Menschen nehmen das sehr ernst.
Manche von Ihnen sprechen kein Wort Deutsch, trotzdem gibt es eine gewisse Verständigung. Sie können sich mit ihrem Körper ausdrücken und in den Prozess einklinken. Es geht also nicht um die Sprache. Es gibt auch andere Möglichkeiten des Ausdrucks und der Partizipation. Sehr viel passiert auch über Nachahmung. Und natürlich über den Fokus. Es ist wichtig, dass das, was wir bei den Proben machen, ernst genommen wird, dass alles einen Sinn hat – und das ist den Teilnehmern und Teilnehmerinnen sehr bewusst. Wir achten aber auch darauf, dass wir sehr lustbetont arbeiten. Am Anfang mag es den Anschein haben, dass die ganze Arbeit ein Spiel ist, aber aus dem Spielerischen ergibt sich immer eine konkrete Aufgabe, die dann in der Choreografie auch weiter verarbeitet wird.
Die projektweise Arbeit mit Jugendlichen mit Erwachsenen ist ein fixer Bestandteil ihrer Arbeit?
Ja. Das ist etwas was ich sehr gerne mache. Ich glaube, die Freude steckt auch die anderen an. Ich mag auch die Arbeitsweise, an bestimmten Projekten eine Zeit lang intensiv dran zu sein, ich finde, dass eine klare zeitliche und thematische Strukturierung die Konzentration bündeln kann. Die Arbeit am Projekt und dessen Aufführung werden zu einem starken Erlebnis für alle.
Nachhaltig wird es dann wenn wirklich Menschen an mehreren Projekten teilnehmen.