Wacher Blick in Mikrokosmen
Die Dokumentarfilmerin und Fotografin Doris Kittler über ihre Zusammenarbeit mit Kindern und Jugendlichen, ihre politischen Absichten und ihr Herzblut.
Sie sind Bühnenbildnerin, arbeiten vor allem aber als Dokumentarfilmerin. Wie kam es dazu?
Ich habe Bühnenbild studiert und bin relativ schnell darauf gekommen, dass es mir schwer fällt, Dinge die andere sich ausgedacht haben zu erledigen. Ich habe ganz einfach nicht viele kreative Möglichkeiten gesehen – das trifft aber sicher nicht allgemein zu. Es hat mich dann während des Studiums eher zur Fotografie getrieben; ich habe mich speziell mit Portrait bzw. Stadtportrait beschäftigt. Mich interessiert, wie man Menschen, aber auch Städte als Lebewesen sehen kann. Das habe ich lange gemacht, bevor ich nach Russland „gestoßen worden“ bin. In Tomsk in Sibirien, wo ich dann drei Jahre als Lektorin war, habe ich dann auch zu filmen begonnen.
Und wie kam es zum Lektorat?
Ein Freund, der selbst Lektor in Polen war, hat mich gefragt, ob ich nicht gerne einmal im Ausland arbeiten würde. Ich wollte immer ins Ausland, habe es aber nie geschafft. Dazu kam, dass meine Großmutter Russin war und ich schon immer russisch lernen wollte. So habe ich durch Zufall von diesem LektorInnen-Job bei der Robert Bosch Stiftung erfahren und mich innerhalb von zwei Tagen für ein Jahr Sibirien entschieden. Und innerhalb von sechs Wochen war ich Lektorin in Tomsk, ohne Russisch zu können. Das war natürlich ein Wahnsinn. Ich würde auch niemandem raten, ohne Sprachkenntnisse nach Sibirien zu gehen. Es war sehr hart am Anfang, aber es hat sich wirklich ausgezahlt, denn es war eine spannende Zeit und ein wichtiges Erlebnis. Ich bin dort übrigens nicht nur als Lektorin der deutschen Sprache hingegangen. Es war der Bosch Stiftung auch wichtig, andere Arbeit in Richtung Kulturaustausch, „Aufklärung“ und Zivilgesellschaft zu leisten. Es ist natürlich nicht ganz einfach, als Europäerin in die russischen Provinz zu kommen und dort die Welt zu erklären: wie furchtbar die Politik in Russland ist usw. Da kommt man sich schon manchmal arrogant vor. Also habe ich besser fotografiert, um später in Europa eine Ausstellung darüber zu machen. Für den Kulturaustausch konnte man damals alles Mögliche machen: Konferenzen in allen Bereichen, ob es nun Wissenschaft oder Sprachen waren, das war egal. Oder man konnte eine Zeitung machen. Ich habe damals, weil ich das konnte und weil das meins war, fotografiert. Und dann bin ich fast automatisch und durch einige Zufälle zum Filmen gekommen. Gerade der Film erschien mir als ideales Medium, das Leben dort zu dokumentieren. So bin ich zum Dokumentarfilm gekommen, über die Fotografie und natürlich auch über das Theater. Aber das hat ja alles miteinander zu tun.
Seither arbeite ich im Bereich Dokumentarfilm. So auch bei KulturKontakt Austria.
Sie haben in den letzten Jahren auch mit Kindern und Jugendlichen Filmprojekte realisiert, unter anderem im Rahmen des von KulturKontakt Austria mitorganisierten Projekts „Interkulturalität und Mehrsprachigkeit – eine Chance!“. Sie haben auch am Projekt „Kulturelles Erbe“ mitgemacht und bei den Festwochen ein Projekt realisiert, bei dem es um Migration ging. Warum arbeiten Sie mit Jugendlichen zu diesem Thema?
Das Festwochen-Projekt war ein Auftrag. Der Kurator wollte damals einen Film über Jugendliche haben. Dass meine Aufträge mit Kindern zu tun haben, ist Zufall. Ich finde die Arbeit mit Kindern interessant weil sie dokumentarfilmisch extrem dankbar sind: Weil sie so offen sind und überhaupt keine Scheu haben vor der Kamera sie selbst zu sein. Erwachsenen sieht man die Nervosität viel mehr an. Bei Jugendlichen ist es so, dass die Mädchen sich zurückziehen, während es bei den Buben umgekehrt so ist, dass sie sich hervorheben wollen. Kinder sind nur anfangs manchmal schüchtern. Dann verhalten sie sich aber so, wie sie immer sind und ihnen ist es egal, ob da eine Kamera ist oder nicht. Das ist dann wunderbar! Kinder sind einfach faszinierend zu beobachten. Und wenn man das mit der Kamera machen kann, bekommt man sehr dankbares Material.
Was mir besonders am Herzen liegt, ist ein Projekt mit einer Volkschule im 22. Bezirk, das ich auch gerade mit KulturKontakt Austria angestrebt habe.
Meinen Sie das Projekt zu Interkulturalität und Mehrsprachigkeit?
Nein, zu Interkulturalität und Mehrsprachigkeit mache ich ein Hörspiel mit einer Klasse im 21. Bezirk. Mit der gleichen Klasse mache ich auch einen Film zum Thema „Kulturelles Erbe“. Bei dem Projekt geht es darum, aus den verschiedenen Kulturen der Klasse etwas heraus zu streichen und den SchülerInnen zu zeigen, das alles toll ist. Dass man sich seine Unterschiede zeigen kann und sich damit gegenseitig bereichern kann.
Heuer mache ich zwei Filme: Das eine ist zum Thema „Denkmal“ und das andere, das mir aber viel mehr am Herzen liegt, ist das Projekt in einer mehrstufigen Integrationsklasse. Der Film in der Schule im 22. Bezirks heisst „Gestern, Heute und Morgen“, d.h. es ist kein interkulturelles Thema, aber diesen Film möchte ich fortsetzen. Und jetzt versuche ich gerade Gelder vom Ministerium oder von diversen anderen Stellen zu bekommen, was wahnsinnig schwer ist. Wenn mich jemand fragt, warum ich zum Thema „Denkmal“ Filme mache, dann könnte ich auch sagen: denk mal, weil ich den Kindern gerne zeigen möchte, was Schrammelmusik ist! Das ist mir auch ein wichtiges Anliegen in Richtung Wiener Kultur. Was Interkulturalität und Mehrsprachigkeit betrifft, so ist es mir wichtig, der teilweise traurigen gesellschaftspolitischen Situation entgegen zu wirken: eine Welt, in der Menschen – Strache lässt grüßen – von bestimmten Politikern höchst populistisch in eine bestimmte Richtung beeinflusst werden. Und das auf eine Art, die Kinder im Alter von 6 bis 7 Jahren absolut mitprägt. Und die sagen dann auch in der Schule zu ihren MitschülerInnen Sachen wie: „Ich mag keine Türken“. Natürlich gibt es das immer unter Kindern. Die Klasse im 21., die ich gefilmt habe, ist extrem schwierig. Mit sehr schwierigen Kindern aus schwierigen Sozialverhältnissen. Ich versuche also mit meiner künstlerische Arbeit, der ausländerfeindlichen Stimmung in Wien etwas entgegen zu setzen. Wir machen dann Interviews, wo direkt gefragt wird, Warum machst du so was? „Warum hast du etwas gegen Ausländer?“ Und das ist dann schon sehr Interessant, wenn sich die Schüler wiederum im Film sehen. Das ist eine Abstraktion, die ein anderes Bewusstsein schafft, als wenn irgendwer daher kommt und sagt: „Wählt Rot oder Grün, weil die anderen sind ausländerfeindlich.“ Das ist eine andere Strategie.
Wie lange arbeiten Sie im Schnitt an einer Schule für einen Film?
Ich filme ein bis mehrere Tage und schneide dann teils wochenlang. Es geht viel über Selbstausbeutung– wie in vielen Berufen, vor allem in kreativen, künstlerischen Berufen (dafür bekomme ich in diesem Fall nur 1500 Euro!); außer man hat ein großes Filmprojekt, wo man wirklich ganz normal gefördert wird von allen Stellen und ein großer Kinofilm entsteht. Aber davon spreche ich nicht. Es ist extrem schwierig, sich zu etablieren und überhaupt Gelder zu bekommen, auch für sehr engagierte, gute Arbeit. Kein Mensch würde auf die Idee kommen, einen Film zu machen um 1500 Euro – da stellt man gerade mal die Kamera zur Verfügung. Dann geht’s mal weiter mit Filmen und dann kommt erst das Schneiden. Und das Schneiden dauert am längsten. Wenn man es gut macht Wochen bis Monate. Ich habe ein Video gemacht. Andere hätten um 1500 Euro vielleicht nur einen Workshop gemacht.
Wenn es Selbstausbeutung ist – warum machen Sie es es dennoch?
Mich interessieren oberflächliche Arbeiten nicht ... kurz auf eine Szene draufhalten ... drei Schnitte machen und sagen: Das ist mein Film. Das wird künstlerisch nicht gut sein. Mir ist Perfektion in jeder Richtung wichtig. Warum mach ich’s trotzdem? Das ist eine schwierige Frage. Ich könnte auch Fernsehen machen, ich könnte theoretisch fürs Fernsehen Dokumentationen über eine Schulklasse machen. Mir ist Fernsehen im Großen und Ganzen aber viel zu oberflächlich, in den Ausdrucksmöglichkeiten sehr beschränkt, immer gleich. Warum ich das mach ist einfach, weil mir niemand sagt, dass eine Dokumentation so und so aussehen muss, so und so lang sein, so und so geschnitten sein muss. Das interessiert mich nicht. Was mich interessiert, ist ein sehr intimer Blick in einem Mikrokosmos. Ein intimer Film, der eine kleine Welt zeigt von Innen heraus und nicht von Außen. Auch wenn es immer ein Blick von Außen ist, aber es ist trotzdem ein sehr persönlicher Blick, der auf Kleinigkeiten geworfen wird. Und das erklärt im Prinzip die ganze Welt. Das interessiert mich mehr. Auch mit Musik und Text und Ton kann ich bestimmte Stimmungen erzeugen, die ich einfach gespürt habe. Und das kommt natürlich auch ganz anders beim Publikum an und natürlich auch bei den Kindern. Ich mache das übrigens nicht nur für die Kinder. Ich mach das für alle, auch für die, die nichts mit Kindern zu tun haben – damit es sie genau so interessiert, wie die Kinder selbst.
Denn bei den Eltern beginnt eigentlich das ganze Desaster. Es wird sich kaum um die Eltern gekümmert, das sehe ich als großes Problem im Schulsystem: dass die Eltern vollkommen übergangen werden. Überhaupt halte ich das Schulsystem für erneuerungswürdig. Um auf die Mehrstufenklassen noch mal zurück zu kommen: Ich sehe in dieser Lernform bzw. Schulform automatisch eine Gleichstellung, was das Geschlecht betrifft, was die Sprache betrifft, was Kultur betrifft. Es ist völlig egal, ob du klein oder groß bist, ob du weniger intelligent bist, ob du schüchtern oder laut bist. Es wird daran gearbeitet, dass jeder Mensch gleich behandelt wird und gleich ist. Und die Kinder bekommen ein dermaßen gutes Selbstvertrauen, egal ob sie jetzt autistisch sind, schüchtern oder nicht schüchtern sind. Die Großen spielen mit den Großen und mit den Kleinen, sie helfen sich gegenseitig und dadurch kommt man gar nicht auf die Idee, dass ein Kind mit türkischen Eltern irgendwie anders ist. Die Kinder sollen in Zukunft sagen können: Wir sind doch alle Österreicher. Egal wie wir sind, im Grunde sind wir sind alle gleich viel wert.
Fließt auch Ihr Fremdsein in Sibirien in Ihre Arbeit ein?
Auf jeden Fall hat es mich geprägt. Man kommt als anderer Mensch zurück, wenn man so wie ich zwei Jahre im Ausland war. Eigentlich fast drei Jahre, wenn man das Filmen mitrechnet. Ich kann nur jeden raten mal weg zu fahren. In meiner Generation war das noch nicht so selbstverständlich. Es ist leichter in Paris oder London usw., aber es ist nicht leicht nach Sibirien zu gehen. In Sibirien war ich fast die einzige Europäerin und das in einem Ort mit 500.000 Einwohnern. Da war ich absolut fremd – so als ob ich dunkelhäutig wäre. Ich war anders gekleidet, und dadurch hat man mich sofort als Nicht-Russin erkannt. Aber: dass das anstrengend war, ist ja fast zynisch zu sagen, wenn man bedenkt, wie schlecht viele fremd aussehende Menschen hier oft behandelt werden. Ich habe extremes Interesse an meiner Person beobachtet, ich war die Prinzessin. Man wird dauern beobachtet und angestarrt, aber man wird aufgenommen und dauernd eingeladen wie ein Familienmitglied. Das war teils distanzlos, teils aber auch unheimlich kuschelig.
Ich habe einen Film gemacht - „Leichte Winter“ heißt er - der das zum Thema hat: Wie geht es unsereins dabei, in Russland zu leben, dieses Land und die Menschen über längere Zeit im Alltag zu erleben? Ich habe versucht, die Gegensätze zu zeigen: das Faszinierende und das Abstoßende. Und ich habe versucht, einen Blick zu wagen, der eine neue, ganz ungewohnte Sicht der Dinge an die Menschen bringt.
Vielen Dank für das Gespräch.