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Nachhaltigkeitsstrategien

Dr. Anton Dobart über die Verankerung von Nachhaltigkeit im Bildungssystem

Österreich ist es während seiner EU- Ratspräsidentschaft 2006 gelungen, Bildung als einen vitalen Beitrag zu einer überarbeiteten allgemeinen EU-Strategie für nachhaltige Entwicklung zu verankern. Was waren die Hintergründe für das österreichische Engagement?
In der Österreichischen Ratspräsidentschaft war es generell ein sehr großes Bemühen, in Richtung der Hebung der Bedeutsamkeit und der Priorität von Bildung zu kommen. Das hat sich zum einen ausgedrückt im Rahmen des Zwischenberichtes, der alle zwei Jahre den Stellenwert von Bildung im Lissabon Prozess darstellt. Das bezieht sich sehr stark auf den Bereich Qualifikation für ökonomische Erfordernisse und die Investition in Bildung – Themen, die wir bearbeitet haben. Parallel dazu ist aber auch eine revidierte Fassung der Nachhaltigkeitsstrategie der Kommission insgesamt gekommen. Es war also für uns eine Chance, und ich glaube wir haben sie gut genützt, auch die Nachhaltigkeit in der Beziehung zur Bildung zu sehen. Das heißt, es ging nicht nur darum, Verständnis für die Nachhaltigkeit im ökologischen und im sozialen Bereich zu wecken, sondern insgesamt zu zeigen oder zu verdeutlichen, dass viele dieser Dinge nur über Lernprozesse gelingen. Nachhaltigkeit benötigt eine andere Form des Lernens und die entsprechende Verbindung zum Bereich der Erfordernisse, die aus dem Arbeits- und Wirtschaftsbereich kommen. Das war uns sehr wichtig. Wir sahen dies als einen bedeutsamen Schwerpunkt, den wir auch mit der finnischen Präsidentschaft abgesprochen haben. Daher gehen auch die Entwicklungen auf der europäischen Ebene zügig weiter. Andererseits haben wir uns vorgenommen, und ich finde es ist uns gelungen, dass wir diesen Schwerpunkt auch nach Südosteuropa einspielen konnten. Daher ist auch diese Diskussion eine der vielen, bei denen wir immer wieder mit Unterstützung und der Initiative von KulturKontakt Austria Themen, die auf europäischer Ebene wichtig sind, in Südosteuropa einspielen.

Wo sehen Sie auf europäischer Ebene die wesentlichen Herausforderungen betreffend einer Verankerung von „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ in den Bildungssystemen?
Für uns war wichtig, dass seit der U.K.-Präsidentschaft eine Diskussion zur Bedeutung des Lissabon Prozesses stattfindet, der bis 2010 festgelegt wurde. Der Lissabon Prozess hat die wirtschaftliche Bedeutung des Standorts Europa und damit auch die Bedeutung von Bildung stark forciert, und die Bildungsminister und –ministerinnen haben sich bemüht, klar zu machen, dass Bildung eine hohe Priorität in diesem Lissabon Prozess hat. Seit der Diskussion, die U.K. angestoßen und auch die Frage bearbeitet hat, wie es nach 2010 weitergeht – wenn Sie so wollen, gibt es ein Lissabon 2? – welche Schwerpunkte es für die Zukunft gibt. Lissabon 1 war vor allem getragen von der Entwicklung, des starken Einflusses der neuen Technologie, der New Economy, die sozusagen den Einsatz von IKT einen zentralen Stellenwert eingeräumt hat. Jetzt sehen wir, nicht nur wegen China und Indien, den Globalisierungsprozess deutlicher, in dem wir uns wieder bemühen müssen zu fragen: Wie sichern wir Europa als ein wirtschaftliches, aber auch als soziales und kulturelles Gewicht? Dabei ist ein zentraler Faktor Innovation, und ein zweiter Faktor ist – nicht nur im Bereich der Energie – die Nachhaltigkeit: Nachhaltigkeit sowohl  in wirtschaftlicher als auch ökologischer Sicht, aber auch die soziale Nachhaltigkeit ist bedeutsam. Das heißt Verträglichkeit im ökologischen Sinn, aber auch Verträglichkeit im sozialen Bereich. Es gibt das Bemühen, als kleines Mitgliedsland in der anlaufenden Diskussion für die Strategie 2010 und danach, das Prinzip Nachhaltigkeit und die Bedeutung von Bildung in der Nachhaltigkeitsstrategie klar zu platzieren und die daraus sich ergebenden Möglichkeiten zu nutzen. Das bedeutet, dass es weiterhin die Intension der Bildungsminister und -ministerinnen sein muss, den Wert von Bildung im Prozess zur Wissensgesellschaft mit dieser globalisierten Dynamik herauszustreichen und in den wirtschaftlichen, ökonomischen und sozialen Dimensionen zu verdeutlichen.

Wie sehen die Strategie und die Umsetzung von Bildung für nachhaltige Entwicklung in Österreich aus? Welche Entwicklungsperspektiven und Herausforderungen sehen Sie hier in der Verankerung auf Systemebene?
Für die Nachhaltigkeit im Bereich Bildung werden in Österreich starke Akzente gesetzt. Koordiniert wird sie vom Lebensministerium, das Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur ist in diesen Prozess eingebettet. Wir bemühen uns einerseits, den Bildungsbereich entsprechend zu platzieren und ihm einen wichtigen Teil in einer nationalen Strategie zur Nachhaltigkeit zu sichern, und zwar in hoher Stimmigkeit zur EU. Ein zweiter Punkt, der auch in Österreich wichtig ist, impliziert, dass wir nicht nur über klassische governance Formen wie Ministerien, Landesregierungen und andere Institutionen arbeiten, sondern dass wir vor allem NGOs aktivieren und damit aktive Bürgerschaft und Beteiligung unterstützten. Daher gibt es zum Thema globales Lernen, das ja auch aus unserer Sicht die Nachhaltigkeitskomponente sehr stark impliziert, Akzente, bei denen wir über die UNESCO und über andere NGOs national viel weiterbringen. Da gibt es natürlich auch Chancen und Möglichkeiten für KulturKontakt Austria. Es braucht aber ein erweitertes Verständnis, um Nachhaltigkeit nicht nur im engeren Sinne in Schulstunden zu etablieren. Es muss auch das Umfeld der Schule und der gesellschaftliche Raum eingebunden und mit NGOs zusammen gearbeitet werden.
Das ist uns sehr wichtig: sich einzubringen in die nationale Strategie, natürlich in der klassischen Form von Governments, aber auch neue Elemente des New Governments einfließen zu lassen und eine gute Balancen zu finden. Dabei sind NGOs besonders wichtig. Da muss es ein gutes Zusammenspiel geben, das auf der nationalen Ebene greift. Und zwar auch, wenn ich an Bildung denke, in den Köpfen, ein bisschen auch in den Herzen der Leute, und natürlich auch strategisch betrachtet.

Das heißt, es sollte auch zu einer stärkeren Nutzung der Kompetenzen der NGOs kommen?
Richtig. Auch deshalb, weil ökologische Gefahren ja nicht an nationalen Grenzen enden. Diese Zusammenarbeit über Grenzen im europäischen Kontext hinweg ist die Perspektive. Dabei ist auch wichtig, dass Österreich in der Umwelttechnologie gute Standards und Entwicklungen vorweisen kann. Insgesamt sollte ein Bewusstsein geschaffen werden, dass die Umweltbedrohung ja nicht an nationalen Grenzen enden. Das Interessante ist, und darauf hat der deutsche Soziologe Ulrich Beck bereits 1986 in seinem Buch „Risikogesellschaft“ hingewiesen, dass diese Bedrohungen gar nicht mehr sinnlich wahrnehmbar sind. Das heißt, es bedarf auch anderer Formen des Verstehens bei den Menschen und da ist Bildung im besten Sinn des Wortes gefordert. Dazu hat Beck vor kurzem ein neues Buch herausgegeben mit dem Titel „Die Weltrisikogesellschaft“, dass die erweiterte Bedrohungsperspektive, in der wir leben, zeigt. Da ist Bildung sehr wichtig und ich glaube, dass auch der Öffentlichkeit verdeutlicht werden kann, dass weiter in Bildung investieret werden muss.


Dr. Anton Dobart ist Leiter der Sektion I „Allgemein bildendes Schulwesen, Bildungsplanung, internationale Angelegenheiten“ im BMUKK

 

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