Mutter, lass uns bleiben
Ekaterina Heider
1.
Irgendwann beschloss meine Mutter wegzugehen. Mutter, die Spontane, Coole, die später unser halbes Leben in einen kleinen, roten Koffer stopfte. Die andere Hälfte musste bleiben.
Ich kannte ihre Launen und die Spontanität, mit der sie ihre Entscheidungen traf. Sie hatte oft verrückte Ideen und meistens konnte ich sie wieder auf den Boden holen.
Ich machte ihr einen Tee, ohne ein Wort zu sagen. Wartete, bis sie sich wieder beruhigen und klar denken würde.
„Ich habe schon alle Papiere. Wir fahren am Donnerstag“.
Ich hätte ihr am liebsten diesen Scheißtee über den Kopf geschüttet, fragte sie aber stattdessen, wo die Reise denn hin gehen sollte.
„Österreich. Wir haben Verwandte in Wien.“
„Und was sollen wir dort?“
„Leben. Einfach leben. Hier hält uns nichts, wir haben hier keine Perspektive.“
Für die nächsten zwei Jahre hasste ich sie. Nette Worte aus ihrem Mund zogen an mir vorbei, wie die blattlosen Bäume in der Landschaft, die ich gelangweilt aus dem Zug beobachtet hatte, in der Hoffnung, dass er stehen bleiben würde.
Ich versuchte mich stets, ihr zu widersetzen. Ich zwang mich, Dinge zu tun, die sie nie tun würde. Ich rauchte im Wohnzimmer und verwendete fremde Zahnbürsten. Ich schor mir meine langen Haare und schmierte mir schwarze Farbe auf die Augenlider.
Ich setzte mich sogar auf öffentliche Toiletten, nur um mir selbst zu beweisen, dass ich ihr nicht ähnlich bin. Dass ich nie einfach abhauen würde. Weil die Welt ja so viel zu bieten hat und es woanders immer schöner ist.
2.
Sie vermisste es. Weinte manchmal stundenlang und sagte, sie wollte zurück. Ich hatte Angst. Dass alles, was ich mir hier in meiner kindlichen Naivität erschaffen hatte, alle Freunde, Hobbies, die ich mir zugelegt hatte, um mich an etwas festhalten zu können, jederzeit wieder verschwinden könnten.
Wir lebten schon vier Jahre hier. Vier lange Jahre, in denen ich mich gezwungen hatte, alles, was mich an die Zeit vor Österreich erinnert hatte, zu vergessen. Alle Momente und Menschen, die wichtig waren, die Zukunft, die ich dort hätte haben können, verbannte ich in einen Bereich meines Unterbewusstseins.
Ich hatte Angst, dass wir wieder dort anfangen müssten, wo wir aufgehört hatten.
Für die Leute wären wir nie wieder dieselben gewesen. Wären reiche, undankbare Gören, die es sich erstens leisten konnten, nach Österreich auszuwandern und dann auch noch trauten, wiederzukommen und zu erwarten, dass man sie mit offenen Armen aufnahm. Verwöhntes Pack.
Darum kochte ich ihr einen Tee und redete ihr ein, wie schön es hier sei und wie viele Möglichkeiten hier für uns offen stünden.
„Wir haben dort keine Perspektive, Mama. Mach dich nicht fertig, du wirst einen viel besseren Typen finden. Er war es nicht wert“, redete ich ihr ein, wie man es normalerweise bei dreizehnjährigen Mädchen macht, die sich die Herzen brechen lassen.
Es nützte nichts. Sie wollte keinen besseren Freund, keinen Tee, keine lieben Worte. Sie wollte nicht mehr länger in einem Land bleiben, in dem nur Verrückte lebten, die sie nicht einmal richtig verstand. In dem sie von stinknormalen Typen verlassen und von ihrer eigenen Familie ignoriert wurde. Sie hasste es. Sie wollte wieder zurück und so wie es aussah, meinte sie es mindestens so ernst wie beim ersten Mal.
„Sag, bist du jetzt völlig bescheuert?“, schrie ich sie an.
Ihre verweinten Augen konnten mich nicht davon abhalten, die halbe Wohnungseinrichtung zu zertrümmern. Währenddessen weinte sie lautlos weiter.
„Vergiss es, Mutter. Ich komme nicht mit.“
3.
Den ganzen Flug über sprachen wir nicht miteinander. Die Stewardess verteilte versalzene Erdnüsse und den billigsten Orangensaft, und der Anblick der Leute, die sich damit vollstopften, brachte mich fast zum Kotzen. Hin und wieder sah meine Mutter zu mir herüber und wartete auf das eine Lächeln, das alles wieder gut machen würde. Ich ging auf die Toilette, ohne sie dabei anzusehen und fing an zu weinen. Ich hasste mich dafür.
Mutter hatte sich geschworen, innerhalb von zwei Wochen eine neue Wohnung zu finden. Bis dahin konnten wir bei meiner Tante bleiben, die stets eine Schürze trug, schwitzte und jeden Morgen Palatschinken zum Frühstück machte. Dabei plauderten Mutter und sie ausgiebig über Österreich, dumme Arschlöcher, die einen sowieso immer wegen Jüngeren verließen, über Gott, und die Tatsache, dass man nie wissen konnte, was die Zukunft bringt. Den Satz „Zuhause ist es doch sowieso immer am schönsten“ hörte ich jeden Tag mindestens vier Mal. Ihre Worte klangen fremd in meinen Ohren. Wie die Melodie von einem alten Lied, dessen Text ich nie richtig verstanden hatte.
Am zwölften Tag sahen wir uns zwei Wohnungen an. Der Immobilienmakler war jung, nervös und erzählte uns mit einem aufgeregten Gesichtsausdruck von der tollen Aussicht, dem schönen Parkettboden und den netten, schwerhörigen Nachbarn, die fast nie zu Hause wären.
„Am liebsten würde ich hier selbst einziehen“, sagte er, als er uns die Küche zeigte. „Dann tun Sie es doch“, antwortete ich und beschloss, lieber draußen zu warten. Mutter verliebte sich in beide Wohnungen, aber sie wollte mich entscheiden lassen, in welcher ich lieber wohnen würde. Ich bat sie, die kleinere zu nehmen.
Noch am selben Tag standen wir im Möbelhaus, um allen möglichen Kram zu besorgen, der unser neues Zuhause schön und gemütlich machen sollte.
4.
Bevor ich ging, gab ich meiner Mutter einen Kuss auf die Stirn, ohne sie zu wecken. Drei Stunden später saß ich im Flugzeug nach Wien, wo mich die Stewardess sanft anlächelte, als könnte sie sich an mich erinnern. Ich bestellte einen schwarzen Kaffee und sah aus dem Fenster. Am Flughafen in Wien wurde ich von einem Freund abgeholt.
„Willkommen zu Hause“, sagte er und gab mir eine Umarmung, die mir wie eine Ewigkeit vorkam. Wir setzten uns hin und warteten auf den kleinen, roten Koffer, den ich mitgenommen hatte.
Der Text ist erschienen in:
Christa Stippinger (Hg.): anthologie preistexte 10. das buch zu den exil-literaturpreisen „schreiben zwischen den kulturen“ 2010. edition exil, Wien 2010.
ISBN 978-3-901899-46-1. www.zentrumexil.at
Ekaterina Heider, geboren 1990 in Irkutsk (Russland), kam mit elf Jahren nach Österreich, besuchte ein Gymnasium, brach es mit 14 Jahren ab und machte schließlich die Matura nach. 2007 wurde sie von ihrem Deutschlehrer auf ihr literarisches Talent aufmerksam gemacht. Sie begann Kurzgeschichten zu schreiben, nahm an Literaturwettbewerben teil und gewann 2009 den Schülerpreis der edition exil mit ihrem Text „director’s cut“. Ekaterina Heider lebt in Wien, wo sie sich auf das Schreiben konzentriert.






