Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft von Kultur und von allem Bestehenden
Marija Knežević
Es gibt zwei Hauptgründe, warum wir einerseits glauben, dass die Kultur so lange existieren wird wie die Menschheit, andererseits das genaue Gegenteil davon ahnen – dass die Kultur allmählich erlischt und zurückweicht, und dass ihre Fundamente ebenso wie alle anderen Fundamente gefährlich wackeln.
Der erste Grund ist ontologischer Natur: Es ist nicht notwendig, einem auch nur halbwegs gebildeten Wesen zu erklären, dass Kunst und im weiteren Sinne Kultur zu den menschlichen Grundbedürfnissen zählen, und dass der Mensch sie in etwa zeitgleich mit dem Feuer entdeckt hat. Angesichts unseres katastrophenanfälligen Zeitgeistes betrachte ich die Höhle von Altamira zunehmend als eine Art Ikone.
Der zweite Grund liegt im Skeptizismus gegenüber allen Werten, die wir weiterhin (obwohl man nicht weiß, wie lange noch) als NORMAL bezeichnen, also auch gegenüber kulturellen Werten: Er findet allzu offensichtliche, ich wage sogar zu behaupten deutlich aggressive Anlässe im Alltag. Vor allem drängt sich das Geld wie eine Art parodierte, aber mächtige Gottheit auf. Wenn das Geld dann Kriterium für alles wird, ist es klar, dass Kriterien an sich verlorengehen. Alles kann man kaufen, oder fast alles, außer die Seele. Da die Seele keinen Preis hat oder unbezahlbar ist, bin ich nicht in der Lage, diese Antiutopie weiterzuentwickeln: Wie könnte eine Welt mit amputierter Seele aussehen?
Skeptizismus im Hinblick auf das Überleben als solches erhitzt oder kühlt (die Wissenschaftler sind sich da noch nicht einig) die globale Erwärmung und die Katastrophen, die wir immer öfter miterleben. Wir haben nicht erwartet, dass sich das in einer solchen Science-Fiction-artigen Geschwindigkeit entwickeln wird, denke ich und höre es buchstäblich von allen Leuten, mit denen ich spreche.
Die Zukunftsfrage ist in diesem Moment so kompliziert, dass vielleicht nur ein Prophet sie beantworten kann. Natürlich denke ich an einen wirklichen Hellseher, und nicht an die Armee von Hochstaplern, die zusammen mit Tonnen gefälschter Ware den sogenannten Weltmarkt überschwemmt haben. Was bleibt? Es bleibt die Hoffnung oder der Glaube, für mich ist das dasselbe, nachdem ja alles, was gut und menschlich ist, nur eine einzige Quelle hat – die Liebe. Solange es den Eros gibt, im antiken Sinn dieses Wortes, werden wir, einige von uns, Möglichkeiten finden, die weltliche Pornographie im weitesten Sinne dieses Begriffs zu übertrumpfen und etwas wirklich Gutes zu erschaffen. Viele von uns nehmen deshalb harte Wirtschaftssanktionen in Kauf. Viele von uns sind Gottes Gnade ausgeliefert, ohne jedwede Mittel, gerade deshalb, weil sie entgegen der „Idee des Systems“ weiterhin schöpferisch tätig sind, oder zumindest nicht die weltweite Propaganda vom Markt als dem höchsten Gott und dem einzigen Richter über alles Bestehende akzeptieren. Vielleicht klingt es pathetisch oder allzu fundamental, aber wir als Zivilisation bewegen uns paradoxerweise zurück, hin zu den grundlegenden Postulaten des Seins, sodass ich ganz frei sagen kann: Solange es die Liebe gibt, wird es auch die Kunst und die Kultur und diese uns bekannte Existenz geben.
Aus dem Serbokroatischen ins Deutsche von Mascha Dabić.
Marija Knežević wurde 1963 in Belgrad, Serbien, geboren, wo sie auch heute lebt. Sie studierte vergleichende Literaturwissenschaft in Belgrad und Michigan, lehrte kreatives Schreiben und war Journalistin für Radio Belgrade, Radio 202 u.a. Für ihre Gedichtsammlung „In tactum” erhielt sie 2007 den Đura Jakšič Award. 2009 erschien ihr Roman „Ekaterini“ auf Deutsch, 2010 ist sie mit einem Beitrag in der KKA-Anthologie „Grenzverkehr II. Unterwegs“ vertreten.






