Abfall-Wörter
Ágnes Judit Kiss
Vor allem Wörter. Warum wollen Schriftsteller und Dichterinnen gerade aus Wörtern irgendetwas Wertvolles basteln? Aus schon verbrauchten Wörtern; wir haben sie verbraucht, auf unseren Lippen entwertet.
Etwas Vernünftiges aus ausgesprochenen, hinausbeförderten Wörtern zu schaffen ist, wie aus Müll Schmuck zu fabrizieren, Häuser zu erbauen, Treibstoff herzustellen. Es ist beinahe unmöglich, nur muss es eben sein.1
Zuweilen ekelt es mich geradezu an: das leere Milchpäckchen, der verdreckte Abwaschschwamm, die zertretene Colaflasche und die vergammelten Speisereste sind klar zu erkennen, niemand weiß, wessen Hände daran gewesen sind, wessen Lippen daran genuckelt haben. Die Spuren von Händen und Lippen gestürzter Politiker, heuchlerischer Priester, untreuer Geliebter und grausamer Väter sind den Wörtern eindeutig anzumerken.
Warum müssen Autoren unbedingt aus Wörtern etwas erschaffen? Wir speien doch täglich Tausende und Abertausende von ihnen aus, wer sollte sie noch ernst nehmen? Und doch muss es sein, auch wenn es unmöglich ist. Uns bleibt keine Wahl. Viel zu viel wertlose Materie umgibt uns und viel zu wenig von dem, was wir wirklich benötigen.
Manchmal frage ich mich ohne viel Hoffnung: Wofür wäre denn das noch zu gebrauchen, was lange schon entzweigegangen ist, was nur noch entsorgt werden soll, weil es für alles unbrauchbar erscheint? Wie oft hören und fühlen wir auch selbst, dass Worte nicht mehr geeignet sind, Gefühle auszudrücken, Missverständnisse auszuräumen, Streitenden den Frieden zu bringen! Die Worte sind leer wie ein Joghurtbecher, eine Bierdose oder wie ein zusammengeknülltes Papier im Müll.
Gedichte zu schreiben ist Recycling. Wir sortieren die Wörter, pressen sie, schmelzen sie ein und kühlen sie ab, verbrennen sie bei hohen Temperaturen, und auf einmal haben wir das Baumaterial für das Haus, das wir bewohnen können, wenn Hochwasser unser Heim überflutet hat. Der Abfall ist in einen neuen Aggregatzustand übergegangen, und dabei ist ein Gas herausgekommen, das unser Auto anzutreiben vermag. Neue Formen sind entstanden, und auch wir erneuern uns, wenn Abfall zu Schmuck oder Spielzeug wird.
Allmählich bleibt uns nur noch Abfall. Allmählich bleiben uns nur noch Wörter. Wir wollen irgendwo wohnen, uns irgendwohin bewegen, spielen und strahlen, schön sein und befreit. Mit einem Wort: leben.
Lasst das Schokoladenpapier kommen, den Waschmittelflakon, den gesprungenen Kristallbecher. Lasst die hässlichen Wörter kommen, und die schönen Wörter, wenn auch entleert, geborsten und verletzt. In jedem Land und in jeder Sprache findet sich jemand, der die Wörter sortiert, presst, einschmilzt und abkühlt, sie verbrennt und umgestaltet.
Kommunizieren heißt nicht unbedingt sprechen. Kommunizieren bedeutet, eine Nachricht überbringen. Und zwar so, dass der Adressat sie versteht. Alles andere ist nur Reden. Gerede. Einseitig in den Medien, Smalltalk im Aufzug, Posting bei Facebook, Abfallherstellung.
Was bleibt noch? Die Stille, die Nachricht ohne Worte.
Aus dem Ungarischen von György Buda
Judit Ágnes Kiss studierte Ungarische Sprache und Literatur an der Universität Budapest sowie Dramenpädagogik und Oboe in Pécs. Bisher sind drei Lyrikbände sowie Prosatexte in den Frauenanthologien „Durstige Oase“, „Dschungel im Herzen” und „Der Hund des Herzens” erschienen. Mit dem auf Deutsch noch unveröffentlichten Roman „Die Patin” war Kiss nominiert für den Bank Austria Literaris 2010; 2011 war sie Writer in Residence von KKA.
1 Im Jahr 2011 sind in Ungarn Erfindungen bekannt geworden, die es möglich machen, aus Abfällen Häuser in Leichtbauweise zu errichten und aus Mist Methanol zu gewinnen.






